CHOPINIADE



XI

Als ich begann, mich auszujäten,
War große Ernte angesagt,
Ich mähte, senste ungefragt
Auf kleinstem Felde, kleinsten Beeten

Und sah mich bald davongejagt,
Und lernte: Für mich stehn und treten,
Heißt: Beistand, Nahesein; heißt: beten,
Daß hell wird, was im Dunklen tagt...

Nun bete aber einmal einer
Zu einem, den man nicht mehr glaubt
Und nicht mehr sicher weiß, seit seiner

Abkehr von Auschwitz. Ausgeraubt,
Von wem auch immer, gab sich mir das Schöne
Allein als das, was ich verhöhne...

2. Februar 1989

CHOPINIADE



XII

Allein als das, was ich verhöhne,
Kann ich mir denken, was mich preist,
Was ich brutal verspeise, speist
Zugleich auch es und meine bloß gedachten Söhne

Und androgynen Töchter. Ach, ich klöne,
Statt mich zu klonen, ziemlich feist
In dem Desaster des zumeist
Tumultuaren. Ich gewöhne

Mich langsam an die mir gemäße
Form gänzlich ungestalten Seins.
Einst hierorts eingesessene Gesäße

Verraten, kaum entkommen, meins...
Ich sauf mich dick, als ob ich fräße,
Am Rand inmitten des Vereins.

5. Februar 1989




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