MUTMASSUNGEN ÜBER JOSEPH



PROPHTEN

Mitten in Nacht und Finsternis, wenn alles schläft, zu schlafen gedenkt, wachen sie auf, die Propheten. Immer zur Unzeit krähen sie ihre jeweiligen Jeremiaden. Den Bürgern ebenso verhasst wie den Politikern, geben sie keine Ruhe, kein Garnichts und Nichts. Dreist stellen sie ihr privates Dilemma mitten hinein in den öffentlichen, also ganz anderen Kontext. Als anstößiges Exempel für unsere auf ewig unexemplarischen Zeiten.

Es bleibt wenig von ihnen. Das aber reicht aus, um das schlechte Gewissen besserer Zeiten zu stärken.

MUTMASSUNGEN ÜBER JOSEPH



JEREMIA SEIN

Jeremia sein heißt: Unbarmherzig
Und früh gefordert zu werden. Heißt:
Auszuharren. Heißt: Dazubleiben. Heißt:
Sich nicht einzuschmeicheln, weder
Beim Volk noch beim König. Heißt:
Ja zu sagen zum Joch
Eigner und fremder Geschichte. Heißt:
Gottes Vernunft als politisch
Vernünftig anzuerkennen und zu verteidigen.
Heißt: Wider eigenes Wünschen
Recht behalten zu müssen, seinen Staat
Sich sinnlos auflehnen und
In Dummheit versinken zu sehen. Heißt:
Ohnmächtig werden und noch im Alter
Unfreiwillig auf eine
Unerwünschte Seite geraten. Heißt:
Unerkannt, anonym sterben.






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